Ich weiß, was du letzten Juni getan hast! – BBS 2013

Ich weiß, was du letzten Juni getan hast!

Leitartikel fürs BusBimSlam-Themenheft 2013 von der Literaturzeitschrift “&radieschen“.
Von Mieze Medusa.

Wir haben es durchgezogen: Wir haben das größte Poetry Slam Festival im öffentlichen Raum veranstaltet. Weltweit, unseres Wissens. Wir haben an 23 Tagen in einem der 23 Wiener Gemeindebezirke Aufstellung bezogen mit unserer Boombox, unseren Texten und unserer dicken Haut und das getan, was wir am liebsten tun: eigene Texte vor Publikum vortragen, bis alle was davon gehabt und eine/r gewonnen hat. Poetry Slam also!

Zeitmesser war dabei der öffentliche Verkehr, wir haben geslammt bis der Bus kommt! Und das von Simmering bis Hietzing und überall sonst auch.

Ich komm von der Sprache, Digger!

Und da sind Welten aufeinander geprallt. Stell dir vor, du stellst dich auf eine Straße und redest einfach mal los. Erklärst was Poetry Slam ist (Wettlesen um die Gunst des Publikums, Zeitlimit, Publikumsjury, BlaBlaBla), suchst nach der Euphorie oder der Verzweiflung in den Augen der Slammer/innen (4 geladene Slammer/innen pro Termin, 4 konnten sich über die offene Liste melden), suchst nach Verständnis in den Augen der Passanten und nach Zeit und Lust, stehen zu bleiben und sich auf etwas Unerhörtes einzulassen: Poetry Slam ist wie Straßenmusik ohne Musik, Kleinkunst ohne den Kleingeist, Wien ohne Raunzen … also etwas fast Undenkbares, etwas Unerhörtes, etwas, für das man gern stehenbleibt und auf das man mit Neugierde und offenen Ohren reagiert. Oder: Wenn man das Neue, die Veränderung, das Unerhörte und den Freiraum nicht so gern hat, etwas, wegen dem man gern die Polizei ruft, aber dazu später. Poetry Slam im öffentlichen Raum ist manchmal eine Liebeserklärung, manchmal eine Zumutung. Poetry Slam ist auf jeden Fall gelebte Vielfalt und passt schon allein deshalb wirklich gut zu Wien.

W-Fragen: Wer, wo, wie slamt Wien?

Die Orte haben wir liebevoll ausgesucht, aber nicht immer wurde die Liebe erwidert. Wir wurden mit Christen verwechselt (Wieden), einmal kam es beinah zu Tätlichkeiten (Mariahilf), einmal gab es einen Trippelsieg (Alsergrund), oft gab es Lob und Neugierde und glänzende Augen. Wir wurden mit „Jandl“-Rufen unterbrochen (Hietzing) und wissen immer noch nicht, ob es eine Referenz oder eine Beschimpfung war.

Wir haben die FPÖ vom Wahlkampf abgehalten und ihr das Publikum abspenstig gemacht (Donaustadt). Es wurde 2 x die Polizei gerufen (Simmering & Donaustadt, raten Sie mal von wem). Einmal ein privater Sicherheitsbeamter (Wieden). Wir haben uns mit Salsa-Tänzern gebattlet in Sachen Lautstärke (Hernals, Margareten). Wir hatten Schlecht- und Schönwetter. Oft hat Theresa Hahl gewonnen, die in Wien Urlaub gemacht hat und jeden Tag gebusbimslamt hat, eingeladen oder einfach offene Liste. Weil, wenn man schon mal da ist, dann schaut man sich die Stadt doch an und die Szene. Die ist beim größten Poetry Slam Festival im öffentlichen Raum auf jeden Fall gewachsen: an der Herausforderung, an logistischem Wissen und an aktiven Slammer/innen. Da ist z.B. Simon Tomaz, der hat sich einige BusBimSlams angeschaut, hat sein Slam-Debut im öffentlichen Raum und ausgerechnet in Favoriten gegeben und ist seit Herbst regelmässiger und begeisterter Slammer in Wien und darüber hinaus.

San Sie beruflich irgendwas?

Und ein vertieftes Kennenlernen war es. Für mich (als BusBim-Slammermasterin, als Teilnehmerin, als Slam-Team) ist das der Reiz des Projektes. An 23 Tagen wird zu unterschiedlichen Uhrzeiten an 23 Orten geslammt. Was für eine Gelegenheit die Heimatstadt kennenzulernen. Ein Beispiel: Simmering und Hietzing sind sich sehr ähnlich, sie ignorieren Kunst, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen. In Simmering fordert Markus Köhle Publikumsbeteiligung ein und bekommt mehr, als er sich wohl gewünscht hat. Eine ältere, mit Regenschirm und schlechter Laune bewaffnete Frau stürmt auf uns zu und echauffiert sich: “Sie sind ein öffentliches Ärgernis, Sie sind eine Verunsicherung der ganzen Strecke.”

Als Slammasterin werfe ich mich sofort beherzt zwischen den Poeten und den Mob, erkläre, dass wir auch Wien sind, dass wir vom Festival der Bezirke entsandt werden, um im öffentlichen Raum unsere Gedichte kundzutun. Die Dame zeigt sich davon, nicht völlig überraschend, wenig beeindruckt. Sie entfernt sich keifend, dreht um, kommt wieder näher, ich gehe schon in Verteidigungsstellung, da überrascht mich der Nachbarschaftsdrachen mit der Frage: “Jetzt sagen’S mir noch, wo die Paul-SoundSo-Straße ist?”
Wir wissen es nicht und hätten es ihr auch nicht gesagt. Als wenig später die Polizei kommt, sind wir überhaupt nicht überrascht.Die Polizei ist entspannt, eigentlich, und auf alles gefasst. Ist ja schließlich Simmering. Wir bekommen von ihr auch ein Geschenk, nämlich den schönsten und poetischsten Satz, den man aus Simmering an einem grauen Montag Vormittag rausquetschen kann: “San Sie beruflich irgendwas?”
“Aber sicher”, sag ich beruhigend, “ich bin Autorin.”

Offene Ohren und offene Fenster

Aber nicht überall stoßen wir auf Ablehnung, ganz im Gegenteil. In Fünfhaus zum Beispiel slammen wir bei wolkenlosem Schönstwetter, haben die erste Reihe Publikum direkt zu unseren Füßen auf den tollen roten Sitzkisten, die wir bei jedem BusBimSlam verteilen. Die zweite Reihe steht beim Kebapstand oder beim Baustellenzaun. Die dritte Reihe sitzt im Straßenkaffee gegenüber. Die vierte Reihe sitzt einen oder zwei Stockwerke höher in den offenen Fenstern der Wohnungen. Klar, einer geht vorbei und schreit „Seid’s deppert?“ Aber das ist Wien, wir hätten den Schreihals vermisst, wenn er gefehlt hätte.

In der Josefstadt beginnen wir bei Sonnenschein, dann vertreibt uns ein Regenschauer in die kuscheligste und knallvollste Schlechtwetterlocation. Beim Slam in Mauer freuen wir uns über das erfolgreiche Überwinden von Sprachgrenzen: Angyal Gyula aus Ungarn rockt den Bezirk.

In Währing, aber natürlich nicht nur dort, freuen wir uns über ein zahlreiches und extrem durchgemischtes Publikum, vielsprachig, von jung bis alt, geduldig und gut gelaunt. Den ersten der 23 Bus Bim Slams, also den Bus Bim Slam am 1. Juni um 13 Uhr mit dem Rücken zum Burgtheater und dem Wunschdenken Richtung Rathaus, eröffnen wir mit einer Bitte: „Liebes Wien, Poetry Slam ist total dein Ding, ist niederschwellig, offen für alle, bunt gemischt, das aber bitte schön auf hohem Niveau! Wir würden so gern mal die gesamte Szene des Sprachraums in unsere wunderbare Stadt holen, wir würden so gern der Slamwelt zeigen, wie sehr Wien rockt. Aber dazu, liebes Wien, brauchen wir deine Unterstützung!“

Die erste Slammerin des Bus Bim Slam Festivals 2012 war übrigens El Awadalla, die das Projekt ja überhaupt erst mal möglich gemacht hat. Ich bin gespannt drauf, wer es 2013 eröffnen wird.

Bus Bim Slam 2013

Für 2013 haben wir uns ein paar wunderbare Verbesserungen überlegt. Wir werden umweltfreundlicher: Clara Felis und ihr Radkurierteam transportiert die Boombox, die Flyer, die Sitzkisten und was wir sonst noch brauchen bei jedem Wetter mit dem Lastenfahrrad in jeden Wiener Winkel.

Wir haben die Erfahrungen gesammelt und wechseln den Ort, wo wir es für sinnvoll halten oder wo wir neugierig auf Neues sind. Z.B. erklimmen wir dieses Jahr die Baumgartner Höhe.

Ansonsten slammen wir wieder bis der Bus kommt: Bei jedem Termin mit 4 geladenen SlammerInnen und 4 aus der offenen Liste! Und ein tolles Finale haben wir auch: Am Sonntag, den 23. Juni 2013, nach getaner Bus Bim Slam Arbeit, in der Kulisse, wo sich der 9er und der 44er kreuzen. Und ja das sind Straßenbahnen. Bus Bim Slam, auf ein Neues!

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