Simmering, Mon Amour! Oder: Wo Kunst noch weh tut…

(Achtung Spoiler: In Simmering ruft man, wenn gedichtet wird, sicherheitshalber die Polizei.)

Dem Leberberg, dem nähert man sich am besten mit der Straßenbahnlinie 71. Die holt einen ab, dort wo man montagmorgenmüde strandet, nämlich am Simmeringer U-Bahnknotenpunkt, fährt am Zentralfriedhof vorbei, passiert ein Jugendzentrum und eine Bücherei und holpert Richtung Einkaufszentrum, da steigen wir aus: Dort, wo eine Uhr die Welt in den Vorort holt, dort wollen wir slammen.

Weltuhr Leberberg P1170073

Simmering begrüßt uns freundlich, wir finden das WirsindWien-Team und die Anlage beinahe ohne Probleme, wir bauen uns grad unsere Bühne unter einem Baum auf, wir treffen auf freundliche Menschen.

Also legen wir beherzt los. Ein Mieze Medusa-typischer, utopischer Opferlammtext stellt eines klar: Simmering ist ein hartes Pflaster. Wir haben ein Publikum, aber das Publikum will sich auf keinen Fall anmerken lassen, dass es uns zuhört, und versteckt sich: hinter einem Baum, an den Bim-Haltestellen (wo es aber nach 14 vorbeigefahrenen Straßenbahnen der gleichen Linie immer noch sitzt), hinter der Weltuhr, hinter ihren Handys, hinter einer Telefonzelle, hinter ihren gelangweilten Gesichtsausdrücken.

Aber wir wären keine SlammerInnen, wenn uns das in irgendeiner Form beeindrucken würde. Wir streichen kurzerhand den Bewerb und beschallen die Stadt. Startnummer 1: Theresa Hahl.

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Und ja, so eine Portion Ronja-Räuberstochter-Referenzen tut ausgesprochen gut, an so einem halbveregneten Simmeringer Morgen. Da könnte man beinahe auf die Idee kommen, dass so ein Leben etwas ganz ganz besonderes ist, etwas ganz ganz wertvolles, etwas, dem man hinterlauschen kann, wenn man unvermutet mit Poesie beschallt wird am morgendlichen Weg zum Supermarkt. Könnte man. Muss man aber auch nicht. Ist schon in Ordnung, liebes Simmering. Lass dich nur nicht durcheinanderbringen, von so einem kleinen Trupp Menschen, das an die Poesie glaubt.

BusBimSlam #11 P1170077

Ana Ryue vertextet mit Witz, Poesie und Anflügen von Welt- und Selbstkritik das Fakt, dass sie neue Sneakers hat, was mir, da bin ich ganz Schwester im Geist, sofort aufgefallen ist. Die sind bunt und toll und ich will sie auch.

P1170078 Spuren hinterlassen

Ob wir Spuren hinterlassen? Keine Sorge, liebes Simmering, wir lassen unsere Blätter nicht liegen, wir machen dir sicher keinen Müll und auch keinen Ärger. Wir machen Kunst. Und hier plötzlich beginnen wir wieder daran zu glauben, dass allein dieses Fakt schon reicht, für eine öffentliche Empörung, für ein Ärgernis, für eine Erregung.

Jimi Lend, der Bühnen-Allrounder, umrundet uns  – dabei deutlich und lautstark deklamierend.

Slamily

Tschif setzt voll auf Rhythmus und schafft das Unerhörte: Er überwindet die Barriere, er bringt Menschen dazu sich uns zu nähern, frei nach der alten Weisheit: wo geramtatamt wird, da lass dich nieder.

Theresa Hahl & Jimi Lend Tschif

„Das wird ein Nachspiel haben“

Aber nicht jeder, der sich nähert ist ein Freund. Markus Köhle fordert Publikumsbeteiligung ein (P-p-p-p-oetry Slam!)…

BusBimSlam

„Das kannst du haben“, denkt sich Simmering. Eine Dame in beeindruckend lilafarbenen Kostüm nähert sich empört ihren Regenschirm schwingend, als hätte sie noch nie was von der goldenen Slam-Regel „Respect the poets“ gehört.

„Sie sind ein öffentliches Ärgernis, Sie sind eine Verunsicherung der ganzen Strecke.“

Als Slammasterin werfe ich mich sofort beherzt zwischen den Poeten und den Mob, erkläre, dass wir auch Wien sind, dass wir vom Festival der Bezirke entsandt werden um im öffentlichen Raum unsere Gedichte kundzutun.

Die Dame zeigt sich davon, nicht völlig überraschend, wenig beeindruckt.

Sie entfernt sich keifend, dreht um, kommt wieder näher, ich gehe schon in Verteidigungsstellung, da überrascht mich der Nachbarschaftsdrachen mit der Frage: „Jetzt sagen’S mir noch, wo die Paul-SoundSo-Straße ist?“
Ehrlich, gute Frau, selbst wenn ich es wüßte, würd ich es nach Ihren vorigen Ausfälligkeiten eher für mich behalten!

Aber weiter im Texten: Andi Pianka, der in der ersten Runde unter anderem ein Märchen zum Besten gegeben hat, setzt seiner Strache-Kritik nicht unbedingt auf eine einfache Wahl und auch nicht immer auf kindgerechtes Wording. Egal, die kennen das alles schon aus dem Fernsehen.

Andi Pianka

Aber eigentlich, da kann ich Ana Ryue nur recht geben, geht es uns eh super.

Es regnet nicht.

Wir sind unter Freunden, wir beobachten das Publikum, dass hinter einer Bannmeile Respektabstand unleugbar zuhört: 1 Bettler, 1 Ex-Bauarbeiter, 1 Kopftuchfrau, 1 werdende Mutter, 1 Familie (Vater, Mutter, Kind, Kind, Kind & Kinderwagen), Semi, 1 Energydrinker, 1 Mann im Hemd auf einer Parkbank, 1 Frau mit Steppjacke und Zigarette, 1 Mann mit Regenschirm, 1 Frau mit Atemgerät und familärem Begleitschutz, noch eine werdende Mutter, noch eine werdende Mutter, ein sehr sehr hochschwangere werdende Mutter, 1 Mutter mit 2 Kindern, 1 Mann mit Bierkiste und Leberkässemmerl, eine mittagessende Familie (die Frau kann länger am Handy sprechen als 7 motivierte SlammerInnen an einem Montag morgen in Simmering), eine ältere Frau mit einer jüngeren Frau (die nie stehen bleiben, aber so häufig an uns vorbeigehen, dass wir aufhören an einen Zufall zu glauben), 3 PolizistInnen.

Ana Ryue Jimi Lend

„San Sie beruflich irgendwas?“

Ja, richtig gelesen: Vor der letzten Startnummer der zweiten Runde werden wir nochmals gestört. Ein Polizeiwagen hält, zu unserer Enttäuschung ohne Blaulicht und quietschende Reifen, 3 uniformierte PolizistInnen steigen aus.
Die Frage: „Ham’S a Genehmigung?“ können wir uns denken, ja, wir haben eine, tun uns aber eher schwer das jetzt so schnell zu beweisen. Die 3 FreundInnen und HelferInnen sind aber eh ausgesprochen freundlich, es ist ihnen, wie sie uns versichern, eigentlich eh egal, „wir san halt g’rufen worden!“ Vom wem können wir uns denken.

P1170103 Eskalation

Es wird allerhand notiert (Name, Adresse, Geburtsdatum und Telefonnummer der Slammasterin – bin gespannt, ob ich zum Geburtstag ein SMS bekomm), dann zieht die Exekutive freundlich winkend von dannen, wir winken selbstverständlich zurück. Oder war das umgekehrt.

Was die Exekutive uns aber zurücklässt, ist die Frage des Tages, der schönste und poetischste Satz, den man aus Simmering an einem grauen Montag Vormittag rausquetschen kann: „San Sie beruflich irgendwas?“
„Aber sicher“, sag ich beruhigend, „ich bin selbstständige Autorin.“

Und Slammasterin. Und hiermit Bühne auf, für den letzen Beitrag dieses Simmeringer Vormittags: Tschif findet die perfekten, abschließenden Worte: „Na, ah, ah, nerten lah i mi ned (nein, sicher nicht, nötigen lass ich mich keinesfalls)“

Tschif

Mit Tschif geht es morgen übrigens weiter: Station Schöpfwerk, 12. Juni, 12. Bezirk, 12 Uhr. SlammerInnen: Theresa Hahl, Mario Tomic, Klaus Lederwasch und noch eineR! Wie immer 4 weitere freie Startplätze!

Wer noch mehr von Theresa Hahl hören möchte, kann auch heute Abend in den 1. Bezirk in die Alte Schmiede eilen: Slammer. Dichter. Weiter. (Konfrontieren. Reagieren. Rezitieren.) mit ebendieser und René Monet. Theresa Hahl antwortet Herta Kräfthner, René Monet reagiert auf Wolfgang Bauer. Poetry Slam weiter denken! und ansonsten: Slammen bis der Bus kommt!

Euer Vorortefan
Mieze Medusa

PS: In direkter Nähe zur BusBimSlam Location #11 gibt es übrigens eine offene Bücherkabine: eine ehemalige Telefonzelle verwahrt jetzt Gedrucktes: Ich hab mir ein Dylan Thomas Drama in Originalsprache rausgefischt und lass mich davon gern inspirieren.

Mieze Medusa

PPS: Es wäre übrigens falsch zu behaupten, dass Simmering kein Interesse an Poetry Slam hätte. In der Simmeringer Bücherei (Gottschalkstrasse 10) hat man zum Thema Poetry Slam folgendes zu bieten:

  • MUNDPROPAGANDA, Poetry Slam erobert die Welt (Hg. Mieze Medusa & Markus Köhle) Milena 2011
  • NACHGEFRAGT: DEUTSCHE LITERATUR, Basiswissen zum Mitreden (Thomas Grasberger), Loewe 2004
  • FREISCHNORCHELN, Romandebut, (Mieze Medusa), Milena 2008
  • SEAWAS, GRÜSSI, SALAMEILEIKUM, U-Bahn-Dialoge, (El Awadalla), Milena 2012

Am Leberberg, leider, in der Bücherei am Rosa-Jochmann-Ring, also in direkter Nähe zum BusBimSlam #11, weiß man von Poetry Slam leider noch nichts. Aber vielleicht ändert sich das jetzt ja!

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10 Antworten zu Simmering, Mon Amour! Oder: Wo Kunst noch weh tut…

  1. el schreibt:

    die gasse, die die lilane dame gesucht hat, heißt paul-heyse-gasse, benannt nach einem schriftsteller.

  2. miezemedusa schreibt:

    ich hoff, sie hat sie gefunden 🙂

  3. Adalbert schreibt:

    …schön, euren Simmering-Einsatz so miterlebt zu haben.
    LG Bertl.

  4. tschif schreibt:

    Danke für diesen großartigen Bericht, danke für die tolle und souveräne Moderation und danke für die unterhaltsame Heimfahrtsbegleitung (notgedrungen nicht mit Öffis), vor allem auch – neben zahlreichen anderen, – für die 2 „Wortspende des Tages“:
    „Jöööh, die Stadt ist schön!“ (c) Mieze Medusa.

  5. miezemedusa schreibt:

    und danke zurück fürs slammen, heute in die schmiede kommen, und viel spaß im schöpfwerk!

  6. Christian Gluttig schreibt:

    Gratuliere Euch Ich finde eure Courage bewundernswert. Die Slammer Scene boomt.

  7. kuchlradio schreibt:

    Danke Mieze! Super Blog! Simmering-Beitrag macht mich schon richtig scharf auf den Samstag im 16ten!

  8. Mädita schreibt:

    Schad, dass so wenig Leute da waren, aber das ist wohl einfach die unmittelbare Nähe zu Schwechat 🙂

  9. miezemedusa schreibt:

    naja, wer weiß, was passiert wär, wenn mehr leut dagewesen wärn 🙂

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